Herr Prof. Schreiner, dank Immuntherapie & Co haben sich die Therapieoptionen von Lungenkrebs geradezu revolutionär verbessert, und ständig kommen neue hinzu. Welchen Stellenwert hat da die operative Behandlung heute?
Nach wie vor ist die operative Entfernung des Tumors Nummer eins der Behandlungsoptionen, wenn es darum geht, Lungenkrebs im frühen Stadium tatsächlich zu heilen. Allerdings ist der Eingriff heute schonender als früher. Die Entfernung des Tumorgewebes erfolgt jetzt minimalinvasiv.
Studien haben gezeigt, dass die minimnalinvasive Techniken, einschliesslich der uniportalen Operationsmethode onkologisch gesehen mindestens gleichwertige Ergebnisse erzielen, in manchen Fällen sogar überlegen sind. Tatsächlich stellt die minimalinvasive Entfernung von Lungentumoren und –metastasen einen Schwerpunkt unseres universitären Thoraxzentrums dar. Selbst Rundherde unklarer Herkunft können so gezielt und schonend entfernt werden, wobei das Gewebe noch während der Operation per Schnellschnittuntersuchung abgeklärt wird.
Ein weiterer Schwerpunkt unseres Zentrums liegt auf den uniportalen Operationstechniken, die bei kleineren Tumoren und einzelnen Metastasen in der Lunge zum Einsatz kommen. Hierbei wird der Eingriff über einen wenige Zentimeter großen Schnitt unter Einsatz der Videotechnik durchgeführt. Das verringert das Operationstrauma für den Patienten erheblich, ohne auf Kosten der Sicherheit zu gehen. Eine weitere Verbesserung der OP-Techniken stellen 3D-Rekonstruktionen der Lungenstrukturen dar. Somit wird die Operationsplanung mithilfe der digitalen Technik vereinfacht und das optimale Operationsvorgehen genauestens geplant und an den jeweiligen Befund angepasst. Sie sind technisch sehr anspruchsvoll und daher ausschließlich in hochspezialisierten Einrichtungen wie unserer zu finden.
Leider verursacht Lungenkrebs im Frühstadium keine Symptome, ein Vorsorgescreening fehlt auch. Daher kommen die meisten Patienten erst in einem späteren Tumorstadium zu Ihnen, oder?
Das ist leider richtig. Bei einem Großteil der Patienten ist der Tumor bereits fortgeschritten. Hier haben die zielgerichteten Therapien einen enormen Fortschritt in der Behandlung erzielt. Ziel ist es heute, ausschließlich die Krebszelle zu treffen und eine frühestmögliche Tumorkontrolle zu erreichen. So werden heute in bestimmten Fällen, bei denen zusätzlich einige Lymphknoten befallen sind, mit einer vorgeschalteten Immunbeziehungsweise Immun-/Chemotherapie behandelt und erst dann operiert. Durch diese Kombination ist ein Tumoransprechen viel häufiger zu beobachten als mit den konventionellen Behandlungsmethoden. Zum anderen sind diese Therapien im Allgemeinen besser verträglich für den Patienten und bedürfen einer kürzeren Behandlungsphase. Deswegen kann die Operation in einem kürzeren Intervall als bei den konventionellen Methoden durchgeführt werden. In der Zusammenschau lässt sich sagen, dass die neueren Therapiekonzepte gezielter auf den Tumor ausgerichtet werden, verträglicher für den Patienten sind, kürzeren Behandlungsdauern bedürfen, ein Tumoransprechen häufiger beobachtet wird, eine Operation früher durchgeführt werden kann und die langfristige Tumorkontrolle eher erreicht wird, die Prognose deutlich verbessert wird. Das heißt, das Wiederauftreten des Tumors kann auf Dauer verhindert werden. Allerdings müssen hierfür die immunologischen Voraussetzungen beim Patienten vorliegen. An unserem Thoraxzentrum versuchen wir, mehr Patienten auf diese Weise zu behandeln.